Nachtrag zum ‘Jubel’äum 20 Jahre deutsche Wiedervereinigung…

[DER SPIEGEL 41/2010]

Der letzte Wille
Von Wiebke Hollersen

Einen Tag vor dem Ende der DDR schreiben Schüler einer Ost-Berliner Oberschule Briefe an sich selbst. Es geht darin um ihre Erwartungen an das neue Leben. 20 Jahre später öffnen sie die Briefe bei einem Klassentreffen.

Der Umschlag ist aus braunem Papier, das weich geworden ist mit der Zeit. Vielleicht war es auch immer schon weich, nie so fest, wie das Papier von Briefumschlägen im Westen. Er ist nicht zugeklebt, nur zugesteckt, eine Schatzkiste ohne Schloss, er liegt auf dem Tisch, um den wir sitzen, vor einem Café in Berlin, Prenzlauer Berg.

Wir sind hier, um diesen Umschlag zu öffnen, gemeinsam, so wie wir es vor 20 Jahren verabredet haben.

In dem Umschlag stecken Briefe aus einem Land, das es nicht mehr gibt. Wir haben sie selbst geschrieben, am letzten Tag dieses Landes, “2./3. Oktober 1990″ steht auf dem braunem Papier, das Datum der Nacht, in der die DDR verschwand. Was in den Briefen steht, haben wir vergessen.

Frau Lindemann, unsere Deutschlehrerin, hat den Umschlag vor 20 Jahren verschlossen, nun öffnet sie ihn, zieht die Briefe heraus, kariertes Papier, liniertes Papier, sie liegen auf dem Tisch wie eine vergessene Klassenarbeit.

Am 2. Oktober 1990, in unserer letzten Schulstunde in der DDR, hatte Frau Lindemann uns gefragt: Wie wäre es, wenn ihr eure Gedanken aufschreibt?

Christiane Lindemann hatte vom Direktor einen Auftrag für diese Stunde bekommen, so wie alle Lehrer der Schule, der Auftrag lautete: “Würdigen Sie mit den Schülern den Beitritt.”

Es war laut, als sie in unser Klassenzimmer kam, so wie immer, aber etwas war anders als sonst. Wir saßen in schwarzer Kleidung in den Bänken, fast alle 19 Schüler, die an diesem Tag gekommen waren. Einen Tag zuvor hatten wir das abgesprochen. Die DDR würde verschwinden, wir konnten nichts mehr dagegen tun, nur noch zeigen, dass wir traurig waren.

Seit einem Monat gingen wir in die zehnte Klasse der 2. Oberschule Prenzlauer Berg, wir waren 15, einige auch schon 16, und das aufregendste Jahr unseres Lebens lag hinter uns. Ein Jahr, in dem die alten Regeln nicht mehr galten und die neuen lange nicht feststanden.

Wie geht es euch, was denkt ihr über die Einheit, über das neue Land, Deutschland? Schreibt das auf, sagte Frau Lindemann. Sie versprach, dass sie die Texte nicht lesen, sondern aufbewahren würde. Fünf Jahre, dann könnten wir sie gemeinsam lesen, bei einem Klassentreffen. Es gibt eine Bedingung, sagte sie: Wer schreibt, soll ehrlich schreiben.

Es wurde still im Klassenzimmer, wir schauten einander nicht an, aber wir fingen an zu schreiben, einer nach dem anderen, rissen die Blätter aus unseren Blöcken, gingen zum Lehrertisch und steckten sie in den Umschlag, der dort lag.

Frau Lindemann klebte ihn nicht zu, wir wollten das nicht, wir wussten, sie würde ihr Wort halten. Sie nahm den Umschlag mit nach Hause und packte ihn in eine Tasche, die Tasche stellte sie in einen Schrank.

Dort lag der Umschlag, umschloss die Briefe mit unseren letzten, echten DDR-Gefühlen. Wie eine dieser Zeitkapseln, in die man eine Tageszeitung, Münzen und Fotos legt. Die man in Beton gießt, unter der Erde, über die man ein Haus baut, unten liegt die Vergangenheit, oben läuft das Leben weiter.

Wir müssen ausgesehen haben wie auf dem Weg zu einer Beerdigung, in unseren schwarzen Hosen und Pullovern, als wir die Schule nach der Stunde verließen. Es ist schwer, sich das vorzustellen, an einem sonnigen Tag, 20 Jahre danach. Es gibt kein Bild von dieser Stunde, auch in unseren Köpfen nicht mehr, nur noch Erinnerungsfetzen.

Wir sind 35 oder 36 Jahre alt, auf dem Tisch liegen die Fotos von den Kindern, die wir mal waren, und von denen, die wir bekommen haben. Wie das so ist bei Klassentreffen. Nur dass unsere Fotos in zwei verschiedenen Zeiten aufgenommen wurden, vor der Wende, nach der Wende, den Zeiten, in die das Leben im Osten zerfällt.

Mir fällt es immer schwerer, die beiden Zeiten zusammenzubringen. Mitten im Jubiläumsjahr, zwischen all den Zeitungsartikeln, Büchern, Sonderausstellungen, versickert meine Erinnerung an die DDR. Das Gedenkbild passt nicht zu den Bildern, die ich selbst noch habe.

Ich schaue die neue ARD-Familienserie “Weißensee”, in der sich der Sohn eines Stasi-Generals in die Tochter einer Dissidentin verliebt. Die Serie spielt in Ost-Berlin in den achtziger Jahren, in der Stadt, in der ich aufgewachsen bin, aber ich erkenne sie nicht. Die Fernsehbilder erscheinen mir zu bunt. In meiner Erinnerung ist Ost-Berlin inzwischen grau. Grau und trist war die DDR, ich habe das so oft gehört, bis die Farbe aus meiner Erinnerung gelaufen ist. Ich kannte auch keine Stasi-Generäle und keine echten Dissidenten. Die einzigen Figuren, die wohl am Ende übrig bleiben werden, nach noch einmal 20 Jahren Gedenken.

Jemand hat eine Mappe aus rotem Kunstleder zu unserem Treffen mitgebracht, auf der “Brigadetagebuch” steht, in die schrieben wir Berichte von Pioniernachmittagen und Klassenfahrten. Unser Klassenbuch, es könnte in einem DDR-Museum liegen, als Ausstellungsstück zum Thema Kindheit in der Diktatur. Nachdem ich es gelesen habe, kann ich sagen, dass wir häufig Würstchen aßen und uns bei Ausflügen verliefen. Im Februar feierten wir Fasching, am 1. Mai gingen wir zur Kampfdemonstration.

Als wir uns nach 20 Jahren zum ersten Mal wieder treffen, tragen die Frauen Sommerkleider, die Männer helle Hemden. Die meisten aus der alten Klasse wohnen noch in Berlin, viele noch in Prenzlauer Berg.

Katharina sitzt neben Frau Lindemann, sie nimmt die Briefe, verteilt sie am Tisch. Katharina ist Schauspielerin geworden, sie fragt: “Liest jeder seinen laut vor?” Wir schütteln die Köpfe. Julia, die ihr gegenübersitzt, schlägt vor, die Briefe später um den Tisch gehen zu lassen. Julia war die Einzige aus unserer Klasse, die nie bei den Pionieren und in der FDJ war, ihre älteste Tochter ist 15, so alt, wie wir damals waren. Stefan, am anderen Ende vom Tisch, nickt, er ist einer der wenigen, die nicht Schwarz trugen am letzten Tag der DDR, er ist aus Leipzig zum Klassentreffen gekommen.

Die Jugendlichen, die wir mal waren, sind uns fremd geworden, vielleicht sind sie uns inzwischen auch peinlich. Wir nähern uns ihnen vorsichtig.

“Ich bin heute in schwarzer Kleidung angekommen, weil ich dadurch meine Einstellung bzw. Gefühle äußern möchte. Ich habe ungefähr 15 1/2 Jahre in der DDR gelebt, und obwohl wir keinen richtigen Sozialismus hatten, fühlte ich mich in diesem Staat sicher”, schrieb Doreen.

“Ich fühle mich nicht gut, Traurigkeit, Ängstlichkeit überwiegen. Ich habe mir den Abgang oder das Ende der DDR etwas anders vorgestellt, als diesen Beitritt. Vielleicht eine andere DDR?”, stand im Brief von Tamara.

“Mal ist mir zum weinen zu Mute, mal nehme ich alles sehr leicht. Aber in jedem Fall bedrückt mich die momentane Situation doch sehr, weil es mir einfach widerstrebt, mich einzugliedern und anzupassen, ohne auch nur das geringste einbringen zu können”, schrieb Katja.

Die Schule, auf die wir gingen, lag in einem Neubaugebiet hinter der Greifswalder Straße, das gerade noch zu Prenzlauer Berg gehörte. Sie hieß nach Anton Saefkow, einem Kommunisten, den die Nazis ermordet hatten, wir lernten an ihr seit der dritten Klasse Russisch und waren den Kindern von anderen Schulen damit um zwei Jahre voraus. Auch in der DDR, dem Land der Einheitsschule, waren Eltern froh, wenn ihre Kinder an Schulen kamen, die weniger einheitlich waren.

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