Das Volk diskutiert darüber, ob seine Kanzlerin Angela Merkel eher Protestantin oder Physikerin oder Frau oder Ostdeutsche ist. Dabei lebt die einstige Quereinsteigerin seit Jahren wie in einem Schloss, aus dem sie auf ihr Land und die Welt schaut.

Von Alexander Osang

[DER SPIEGEL, 20/2009 vom 11.05.2009, Seite 38]

An einem Freitagnachmittag, Ende April, hat Angela Merkel ein weiteres Stück Boden unter den Füßen verloren. Rüdiger Schuck und seine Jungs haben es verschwinden lassen.

Schuck ist Polier einer Templiner Straßenbaufirma. Er und seine drei Kollegen bekamen den Auftrag, zwischen zwei Wochenenden einen 120 Meter langen Streifen uraltes uckermärkisches Pflaster mit einer Asphaltschicht zu überziehen. Er gehört zu der schmalen Straße, die zwischen Feldern, Seen und Wäldern zum Dorf Hohenwalde führt, wo das Wochenendhaus der Bundeskanzlerin steht. Der Weg erklimmt hier einen kleinen Hügel, den letzten vor dem Dorf, dort, wo der Besucher aus der Stadt bereits anfängt, sich zu erholen, wie man so sagt, und war an den Rändern ziemlich ausgefahren.

“Die schönen ollen Katzenköppe sind natürlich weg jetze”, sagt Rüdiger Schuck, zündet sich eine Zigarette an und schaut auf das schwarzglänzende Asphaltband, das wie ein Flicken auf dem alten Feldweg klebt. Er kann sich nicht vorstellen, dass es der Bundeskanzlerin so gefällt, aber Auftrag ist Auftrag. Freitagmittag müssen sie fertig sein. Ab da öffnet sich das Zeitfenster für das Eintreffen der Kanzlerin, hat ihm einer der Polizisten ausgerichtet, die in dem weißen Würfel Wache halten, der gegenüber dem Kanzlerinnenwochenendhaus steht.

Das Zeitfenster für das Eintreffen der Kanzlerin in Hohenwalde klappte dann später zu als gedacht, weil am Freitagnachmittag in der Nähe ihres Mietshauses in Berlin-Mitte eine russische Fliegerbombe gefunden wurde. Das ganze Viertel war abgesperrt, sie durfte nur kurz in ihre Wohnung, um ein paar Sachen zu holen. Es war schon dunkel, als sie in den Feldweg bog, vielleicht hat sie gemerkt, dass der letzte Anstieg vor Hohenwalde nicht so holprig war wie sonst, vielleicht nicht. Ein Regierungs-Audi ist gut gefedert, und eine Bundeskanzlerin hat am Ende einer Arbeitswoche noch ziemlich viel im Kopf, die Bombe, die Weltwirtschaftskrise, die Situation von Jürgen Klinsmann, und so hat sie wohl erst von ihrem Mann erfahren, dass die Straße geflickt wurde. Professor Sauer war schon am Nachmittag mit dem alten roten Golf vorgefahren. In dem spürt man jeden Huckel.

Ein Mitarbeiter aus dem Kanzleramt sagt, dass die größte Veränderung für Angela Merkel seit 2005 das Gewicht ihres Wortes ist. Wenn sie sich über das Wetter äußert, vermuten manche Untergebenen eine Anspielung zum Klimawandel und bereiten schnell irgendeine Vorlage vor. Womöglich hat sie mal “huch” gesagt, als sie über den kleinen Hügel holperte, und so Rüdiger Schuck und seine Brigade in Bewegung gesetzt, ohne es zu wissen. Ein Augenaufschlag kann eine Lawine auslösen, wenn man Bundeskanzlerin ist. Als sie am Freitagabend schließlich in Hohenwalde einrollte, war die russische Fliegerbombe zwar noch nicht entschärft, aber ein Sprecher der Bundesregierung erklärte, dass sie kein Problem für die Kanzlerin darstelle.

“Die Bundeskanzlerin musste ihre Planungen für den Abend nicht ändern”, sagte der Sprecher. Es klingt, als sei das kleine Neubauernhaus in Hohenwalde Teil der Staatsaffären geworden, und womöglich ist das so.

Wie der alte Golf und der Professor Sauer bietet die Uckermark Angela Merkel eine Möglichkeit, ihr jetziges Leben mit ihrem früheren abzugleichen, durchzuatmen, anzuhalten. Sie ist in den vergangenen 20 Jahren wie eine Rakete durch die deutsche Gesellschaft geschossen. Alles ist anders, nur das Haus in Hohenwalde hatte sie schon damals und den Blick über die abfallenden Wiesen zum See. Wie in einem Kloster sucht sie hier ihre Maßstäbe.

Es ist das letzte Stück Welt, das ihr vertraut vorkommt, von dem sie sicher weiß, dass es so ist, wie sie es sieht. Es ist für sie nicht mehr möglich, als Angela Merkel zu wirken. Es wirkt immer die Bundeskanzlerin. Und sie kann die Welt nicht mehr als Angela Merkel wahrnehmen. Ihr wird eine Bundeskanzlerinnenwelt präsentiert und erzählt. Wie sieht diese Welt aus? Und was hat sie aus Angela Merkel gemacht?

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