Lyle LovettSchreibfaul, aber der Konzert-Kritik von Peter E. Müller aus der Morgenpost ist auch nichts hinzuzufügen.

Maybe a word in English: Charisma! That’s what makes the difference… A southern gentleman like Lyle Lovett has got a lot of that. Dark suit and tie (as the whole band), still plenty of hair, and a voice like his face: sharp as a knife. Great concert: lots of talking, jokes, and the unique effect of playing in a church — every artists seems to be disturbed and inspired when playing here.

Lyle Lovett lässt die Passionskirche swingen

Lyle Lovett ist eine der schillerndsten Figuren der amerikanischen Countryszene. Am Abend spielte und sang er in der ausverkauften Kreuzberger Passionskirche. Doch dabei ging es nicht nur um Musik, sondern auch um das Tempo auf deutschen Autobahnen und die Einzigartigkeit deutscher Brötchen.

Es mag etwas verwegen klingen, bei einem Gotteshaus von ausverkauft zu reden. Die Passionskirche am Marheinekeplatz in Kreuzberg jedenfalls ist bis auf den letzten Stehplatz gefüllt, als der texanische Sänger, Songschreiber und Geschichtenerzähler Lyle Lovett am Mittwochabend zum intimen Konzert in den romanischen Backsteinbau geladen hat. Der 51-jährige Musiker mit den kantigen Gesichtszügen und der noch kantigeren Frisur ist eine der schillerndsten Figuren der amerikanischen Countryszene, freilich geht seine Musik weit über das traditionell abgesteckte Terrain hinaus. Nein, keine Jeans, kein Stetson. Lovett und seine vier Musiker erscheinen akkurat in schicken schwarzen Anzügen mit weißem Hemd und Krawatte auf der Bühne. Und bis zum Ende nach mehr als zwei Stunden kommt auch nicht einer auf die Idee, das Jackett auszuziehen.

Das Ganze hat etwas feierliches, ja andächtiges, einem Konzert in einer Kirche durchaus angemessen. Lovett bekundet mehrfach, wie wohl er sich in dieser ungewohnten Umgebung fühlt, wie geehrt er sei, in dieser „beautiful, beautiful church“ spielen zu dürfen. Und er laviert sich mit seiner Band elegant und edel durch ein breites Repertoire aus beseelten Balladen, swingenden Countrysongs, perlendem Bluegrass, Jazz, Blues und Gospel.

Werbung für sein neues Album

Nach längerer Pause hat der vierfache Grammy-Gewinner und einstige Ehemann von Julia Roberts mit „It’s Not Big It’s Large“ ein neues Album eingespielt, das es zu bewerben gilt; aufgenommen mit seiner vielköpfigen Large Band. Es mögen ökonomische Gründe sein, dass er sich für seine Tournee für die kammermusikalische Acoustic Band entschieden hat. Die ist freilich erstklassig besetzt mit Gitarrist und Mandolinespieler Keith Sewell, Bassist Viktor Krauss, Cellist John Hagen und dem legendären Schlagzeuger Russ Kunkel, der in seiner langen Karriere so ziemlich mit allem gespielt hat, was in den USA Rang und Namen hat, von James Taylor und Crosby, Stills, Nash & Young bis zu Carole King, Bob Dylan, Jackson Browne oder Linda Ronstadt. Seit vielen Jahren gehört Kunkel auch zur Stammbesetzung der diversen Lovett-Formationen.

Mucksmäuschenstill ist es im Kirchenschiff, wenn sich Lyle Lovett in wehmütigen Balladen über die Einsamen und die Verlierer in der unendlich scheinenden Weite des Mittleren Westens verzehrt, wenn er mit Texmex-Einschlag vom „South Texas Girl“ erzählt oder im schleppenden Sechsachtel-Takt räsoniert „If I Were The Man You Wanted“. Vom viel zu früh gestorbenen Townes Van Zandt hat er „Flying Shoes“ im Repertoire, später, ganz am Ende, wird er auch Guy Clarks „Step Inside This House“ singen. Bluegrass-Schwung kommt bei Stücken wie „Keep It In Your Pantry“ auf, und bei „That’s Right (You’re Not From Texas“) beginnt die ganze Kirche zu swingen. Wobei der Mann am Mischpult merklich mit dem Hall, den so ein Gebäude nun einmal in sich birgt, zu kämpfen hat.

Es ist ein besonderer Abend mit einem außergewöhnlichen Musiker, der auf eine charmant coole Weise große Emotionen zu kleinen Songdramen verarbeitet. Der zwischen den Liedern immer wieder in Plauderlaune verfällt, der Einzigartigkeit deutscher Brötchen huldigt oder vom Tempo auf deutschen Autobahnen schwärmt. Und der neben Stücken vom neuen Album wie „I Will Rise Up/Ain’t No More Cane“ natürlich auch Erfolge wie „If I Had A Boat“ einzustreuen versteht. Der langanhaltende Applaus ist lauter als es die Band bei diesem Konzert je war.

[Von Peter E. Müller, Berliner Morgenpost, Donnerstag, 26.03.2009]