Eine sehr amüsante — und wohl auch ein bißchen wahre — Glosse von Klaus Brinkbäumer aus dem SPIEGEL 44/2006:

In Berlin erklärt der Amerikaner Thomas Friedman den Deutschen die Globalisierung.

Dass Deutschland nicht vorn mitrennt im globalen Wettlauf, das wusste Thomas Friedman, darum hat er ja in Indien und im Silicon Valley recherchiert und an anderen Orten, wo der Mensch flink und vernetzt ist, und nicht in Deutschland. Dass Deutschland aber so weit hinten liegt, hat er nicht geahnt.

In Berlin möchte der Reporter der Globalisierung, Amerikaner in schwarzem T-Shirt und schwarzem Anzug, mit Schnauzer und ergrauenden Haaren, vortragen, was er dort, in der modernen Welt, erfahren hat. Den Deutschen will Thomas Friedman die Globalisierung erklären; eine Mail muss er zuvor noch verschicken, aber er kann seine Mail nicht verschicken, weil sie in seinem Hotel am Zoo kein Internet haben und bei Suhrkamp in der Fasanenstraße auch nicht.

Stuck haben sie bei Suhrkamp. Helles Parkett. Schwarze Möbel. Und an den Wänden weise Sprüche: “Ziel ist eine Gesellschaft, die den Geist nicht zum Außenseiter macht, nicht zum Märtyrer und nicht zum Hofnarren.” Max Frisch. Das alles kann man sich in Ruhe angucken, beim Kaffeetrinken, weil Thomas Friedman doch noch nicht von der Globalisierung berichten kann, weil er ja seine Mail verschicken muss und nicht verschicken kann in dieser verdammten Hauptstadt von Germany, diesem Erdloch, dieser Grube ohne Internet mitten in einer flachen Welt. “Kann nicht sein”, sagt er, “Berlin! 2006!”

Er geht nun fort, und 45 Minuten später kehrt er zurück. “Es gab da ein Internet- Café, so langsam, dass man verrückt wird”, berichtet er, er keucht die Worte und schwitzt. Ein Interview also, jetzt kann es beginnen, über die globalisierte Welt.

“Was immer getan werden kann, wird getan werden”, sagt Friedman, “die einzige Frage ist, ob du es selbst tust oder ob es dir angetan wird.” Thomas Friedman hat in seinem Buch geschrieben, dass eine Gazelle schneller sein müsse als der schnellste Löwe, sonst werde sie gefressen; und ein Löwe müsse schneller sein als die langsamste Gazelle, sonst verhungere er. Ist Deutschland eine Gazelle mit Gipsbein?

Thomas Friedman, Jahrgang 1953, wurde der Reporter der Globalisierung, als er in Bangalore, Indien, entdeckte, dass Inder amerikanische Steuererklärungen fertigen, amerikanische Röntgenbilder auswerten, Reservierungen für amerikanische Restaurants annehmen, die Koffer amerikanischer Passagiere suchen, die auf inneramerikanischen Flügen verschwinden. Sie trainieren den Akzent Wyomings, aber sie sitzen in Callcentern in Bangalore. Als Friedman dies alles durchdachte, merkte er, dass die Welt sich verändert hatte in jenen fünf Jahren, in denen Amerika sich um seinen Krieg gegen den Terror kümmerte.

Am Abend hockte Friedman in seinem indischen Hotelzimmer (mit Internet) und schrieb: “Die Welt ist flach.” Er unterstrich die Worte. Er wusste, er hatte die Formel der Globalisierung gefunden, sofort ließ er sich beurlauben von der “New York Times”, am selben Abend begann er zu recherchieren und zu schreiben. Er macht immer beides zugleich: Während er ein Interview führt, tippt er in seinen Computer die Passage über das gerade stattfindende Interview; man fühlt sich etwas langsam, deutsch, wenn man mit einem Notizbuch in der Hand vor Friedman sitzt. “Wenn du eine Idee hast, warte nicht, sonst kommt ein anderer mit deiner Idee”, sagt er. Nach neun Monaten war sein Buch fertig, das 2,5 Millionen Mal verkauft wurde und 43-mal übersetzt: “The World is Flat”.

Thomas Friedman erzählt jetzt von drei Phasen der Globalisierung. Phase 1.0 waren die Jahrhunderte nach der Entdeckung Amerikas, die Handelnden waren Staaten. Phase 2.0, das 20. Jahrhundert, war die Ära der multinationalen Firmen. Phase 3.0, unsere Zeit, begann mit dem PC, es folgten das Internet und der erste Browser, dies war die Plattform der flachen Welt, einer Welt, “in der wir von einem senkrechten System von Befehl und Gehorsam zu einem horizontalen System von Verbindung und Zusammenarbeit kommen”, sagt er – die Welt ist also doch eine Scheibe, und die Handelnden sind Individuen.

Aber nun muss er sich hinlegen, der Jetlag zehrt, und ein paar Stunden später, am Abend, muss er ja schon bei der “Atlantik- Brücke” im Magnus-Haus auftreten, einem feinen deutsch-amerikanischen Verein. Lang und schmal und halbvoll ist der Saal, Friedrich Merz sitzt vorn neben Friedman. Merz stellt das Buch vor, er ist so etwas wie die deutsche Ausgabe von Thomas Friedman: Friedrich Merz hatte auch mal eine phänomenale Formel, sie hatte auch mit einer flachen Scheibe zu tun, aber er redete nicht über die Welt, sondern über Steuererklärungen, und seine Scheibe war ein Bierdeckel. Merz sagt: “Wir müssen einfach ein bisschen schneller werden”, er meint uns alle, uns Deutsche, denn “wir haben Indien unterschätzt, wir haben China unterschätzt, wir haben die Dynamik der amerikanischen Volkswirtschaft unterschätzt, und vielleicht unterschätzen wir manchmal die eigenen Fähigkeiten”.

Neben Merz sitzt Thomas Friedman. Der sagt, dass wir uns anschnallen sollen, denn das, was bisher geschah, war die Aufwärmrunde, die Globalisierung beginne erst.

Es fragt ihn dann jemand, was der nächste Schritt sein werde, wohin das alles führe. Friedman wird leiser, er sagt, dass er manchmal gleichzeitig fernsehe, telefoniere und an seinen Texten arbeite; er wolle keinen “Blackberry” haben, sagt er, weil er spüre, wie seine Konzentration schwinde. Der Reporter der Globalisierung spricht nun von Dingen, die man nicht downloaden könne, er sagt, dass das Internet Menschen zwar klüger mache, aber nicht klug, und dass auch der moderne Mensch Kunst brauche und Spiritualität und Momente der Ruhe und Langsamkeit, kurz: Balance.

Es ist still jetzt. Es tut nicht mehr weh, Deutscher zu sein.